„Emotionalisierung oder gar Voyeurismus ist ihre Sache nicht.“

zu „wo ist meine stimme“

Sabine Leucht, Süddeutsche Zeitung, Bayern - Kultur, 5. November 2012

„Das ganze wirkt nicht etwa total beklemmend, nein: der Abend hält erstaunlich viele Lacher parat“ 

zu „wo ist meine stimme“

Nachbericht auf Radio  M94,5 - Kulturmagazin, 10. November 2012

„Das Regiekonzept geht auf. Denn es hält uns manchmal einen Spiegel vor. Und holt die Geschichten quasi in unser Leben.“

zu „wo ist meine stimme“

Julia Fritzsche, zündfunk, BR, 5. November 2012

FRÜHLING und HOFFNUNG = BAHAR und OMID



Generation Clavigo (Auszug)

von Barbara Burkhardt

Theater heute

Quelle: Theater heute Ausgabe Nr. 6, Juni 2012

(...) Auch Ana Zirner hat ihr Abschlussprojekt an der Essener Folkwang-Schule aus Gesprächen entwickelt, sich dafür allerdings sehr weit hinausgewagt aus den heimischen Wohnzimmern. 14 Tage lang hat sie im Iran Gespräche geführt, sie zusammenmontiert, dem Geschwisterpaar Bahar und Omid in den Mund gelegt und mit einfachsten Mitteln klug strukturiert auf die Bühne gebracht: Zu Beginn von „Frühling und Hoffnung“, wenn die iranischen Mittelschichtskinder von einer Kindheit sprechen, die einer europäischen zum Verwechseln ähnlich klingt, sitzen ihre Bühnen-Stellvertreter im Publikum, erzählen aber deutlich distanziert in der dritten Person vom älteren Bruder und der kleinen Schwester, die miteinander rivalisieren und einander zu Seite stehen; Schulanekdoten, die sich langsam zuspitzen ins Fremde, Gefährdete: Omid fliegt von der Schule, weil im Buch, das er verbrannte, ein Kinderstreich, ein Chomeini-Foto war.

Dann wird auf der Bühne ein Orientteppich ausgerollt; er wird das Gefängnis sein, in dem Omid einsitzt, das Gefängnis der verordneten Verschleierung für Bahar. Hier geraten die Geschwister lautstark aneinander über unterschiedliche Strategien des Widerstands: er ein romantischer Revolutonär, sie eine pragmatische Strategin, die ganz nebenbei ein Frauenbild aus beruflicher und familiärer Doppelbelastung und latenter Überforderung wie aus Berlin-Mitte transportiert. Dort auf dem Teppich, angekommen in der Fremdheit eines Zwangs-Systems, sprechen sie in der Ich-Form, aus weiter Ferne angekommen in ihren Figuren. Der iranische Jazzmusiker Amir Nasr spielt die Musik dazu, Video-Projektionen beschwören die Umbrüche von Occupy Wall Street bis Arabellion. Nur zum Untertitel Iran 2011 bleibt die Leinwand dunkel. Eine Leerstelle, die Zirners Arbeit unprätentiös und eindrucksvoll füllt. (...)

Auf hohem Niveau (Auszug)

von Birgit Schmalmack

Godot - Das Hamburger Theatermagazin, 07. April 2012

Quelle: http://godot-hamburg.de/?p=2503

(...) Für ihre Arbeit hat Ana Zirner von der Folkwangschule aus Essen im Iran zwei Wochen lang Interviews geführt und sie zu einer Geschichte konzentriert.

Bahar und Omid sind Geschwister, die sich gut verstehen. Eine alltägliche Geschichte, die zunächst in jedem Land stattfinden könnte. Doch sie wachsen in einem Land auf, in dem die freie Meinungsäußerung und die freie Ausübung der Religion verboten sind. Sie erleben die Wahlen 2009 und die anschließenden Demonstrationen. Omid wird verhaftet. 31 Tage wird er im Gefängnis verbringen. Berichten die beiden Schauspieler auf leerer Bühne zunächst in der neutralen dritten Person in großer Sachlichkeit von den beiden Geschwistern, werden Bahar und Omid ab diesem Zeitpunkt zu ihrem Ich. Ihr Ton verändert sich. Wut, Hoffnung, Entsetzen, Angst und Sehn­sucht mischen sich in ihre Stimmen. Zum Schluss stehen sie beide auf dem ausgerollten Teppich und schreien sich ihre unterschiedlichen Lebenspositionen entgegen. Während die Revolutionsbilder des Jahres 2011 über die rückwärtige Leinwand laufen, bleiben die Bilder aus dem Iran schwarz. Nach 2009 sind die Aufstände erstickt.

Ana Zirner hat eine aufwühlende Arbeit abgeliefert, die gerade durch die sachliche Distanzierung betroffen macht. Sie lässt dem Zuschauer die Möglichkeit zur eigenen Positionierung. Eine in ihrer Schlichtheit und Konzentration höchst beeindruckende Inszenierung! (...)



JURYURTEIL beim „Körber Studio Junge Regie 2012“ (Thalia Theater, Hamburg)

Barbara Burckhardt (Theater heute)

5. April 2012

Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=PTvd8a-WfFY

„Ich möchte etwas sagen zu „BAHAR und OMIR = FRÜHLING und HOFFNUNG“ von Ana Zirner. Das hat uns sehr gefallen, weil erstens fanden wir es sehr toll, dass sich da jemand selbst eines Themas bemächtigt, es sich selbst setzt, und dann für uns losfährt in eine uns ziemlich unbekannte Welt und dass er aus dieser unbekannten Welt uns etwas zurück bringt, was dann erstmal viel vertrauter ist, als wir es je für möglich gehalten hätten. Diese Kenntnisnahme einer bildungsbürgerlichen Mittelschicht im Iran von der wir nichts wissen, die uns selber ganz schön ähnlich ist, das wird sehr geschickt, mit sehr bescheiden, einfachen und klugen Mitteln thematisiert, indem, und das fand ich besonders raffiniert, am Anfang, wenn die Darsteller noch im Publikum sitzen, und die Dinge erzählt werden, die auch deutsche Kindheiten sein könnten, europäische Kindheiten, in der berichtenden Form erzählt wird. Wenn es ganz weit von uns weg rückt, nämlich auf den Teppich, der das Gefängnis ist, der auch das Gefängnis der Verschleierung ist, der der Iran ist, es also weiter weg geht, aber die Darsteller dürfen jetzt in die ich-Form, in das Spiel richtig hineingeraten. Diese widerstrebenden Bewegungen von sich annähern und sich entfernen, das reflektiert sehr klug unsere Unmöglichkeit aber auch unsere bitte notwendige Neugierde uns auch in diese Teile der Welt zu begeben.

Mich hat sehr gefreut, dass wir da auch mal ein bisschen wegkommen von einer Nabelschau, dass wir ganz woanders hingucken, dass wir das Thema Revolte und Aufstand was in diesem Festival mehrfach vorkam, hier mal nicht aus dieser merkwürdigen Sehnsucht „es muss irgendwas passieren, aber was bloss“ beschrieben, sondern aus einem wirklich außerordentlich Veränderungsbedürftigen und ganz anders bedrohtem Kosmos.

Sie merken, ich kann gar kein Aber sagen. Das Aber, das ich jetzt eigentlich sagen müsste, warum diese Inszenierung den Preis nicht gewinnen wird... also das einzige Aber ist, dass es noch 6 andere Inszenierungen gab, die auch sehr, sehr toll sind. Eine Wahl ist etwas Tolles, aber eine Wahl bedeutet immer auch eine Abwahl.“

Kritik: „BAHAR und OMID = FRÜHLING und HOFFNUNG“

von Michaela Neukirch

“junge regie textversion” (Festivalzeitung des KSJR) angeleitet von Prof. Dr. C. Bernd Sucher

Quelle: http://journalismus-mhmk.de/digger/kritik-bahar-und-omid-zirne/

In Ana Zirners politischem Dokumentationstheater begegnen sich Einblick und Ausblick ohne  Voyeurismus.

Ein schwarzer Guckkasten, ein zupfender Gitarrist, eine rapide switchende Video-Projektion. Darin das bewegte Leben auf den Straßen, Juni 2011. Spain, Russia, Syria, Japan, USA, Tansia, Yemen, Palestine, Tunesia, Germany! Die Bühne ist kahl und leer. Der iranische Musiker Amir Nasr erscheint einsam platziert in einem Leuchtschlauch aus Regenbogenfarben, in welchem er flirrende Aufbruchsklänge spielt. Auf der Wand sehen wir YouTube-Videos und verzerrte Handyaufnahmen. Das sind die Bilder, die um die Welt gingen. Das sind die Bilder, in denen es um die Welt geht: Junge Frauen in Tschadors sprechen aufgeregt in die Mikrofone der Reporter. Das wahnhaft grinsende Gesicht des Guy Fawkes lugt zwischen protestierenden Massen hervor, scheint überall zu sein. Dort: Arabischer Frühling, Arabellion, Revolution. Hier: ACTA, Anonymus, Occupy-Initiative. Die Forderungen der international Protestierenden sind ähnliche, wenn auch nicht die gleichen. Es geht um Redefreiheit, Mitspracherecht, Verantwortung in der Gesellschaft.

Und davon sprechen auch die Schauspieler Gabriel Rodriguez und Veronika Bachfischer: Wir sind einer von euch, wir sind ihr – expect us. Langsam bewegen sie sich aus dem Zuschauerraum zur Bühne, dem leeren Raum vor der Tribüne. Sie sind Schauspieler, Privatpersonen, darum in ihrer alltäglichen Straßenkleidung. Nüchtern und sehr klar erzählen sie von Bahar und Omid, einem iranischen Geschwisterpärchen, das inmitten der Wahlfälschungen von 2009 ihren Alltag verbringt. Man wird an einen guten Vortrag erinnert; Veronika und Gabriel transportieren authentisches Wortmaterial, das die Regisseurin Ana Zirner 2011 vor Ort recherchiert hat. Hier gibt es einen kurzen Blick von Veronika zu Gabriel, dort eine kleine Geste, die verrät, dass sie sich kennen, Geschwister sind, die sich lieben. Es gibt keine Ablenkung von Bahars und Omids Worten, also wird dem Zuschauer hohe Konzentration abverlangt.

Ihre teilweise drastischen Worte sind mit einer harmlosen Dia-Show bebildert. Aufnahmen von fröhlichen Kindern am Strand, im Meer badend, in Nahaufnahme, um die Wette grinsend. Eine der zahlreichen Geschichten, die Bahar und Omid teilen, geht beispielweise so: Mit 12 fliegt Omid von der Schule, weil er ein Schulbuch mit einem Bild des Chomeini, des Islamischen Gründervaters, verbrennt. Kleine-Jungen-Unfug  oder weil ihm kalt ist; er kann nicht sagen, wieso. Aber da kindliche Unschuld nicht schützt, wo beginnt also der politische Akt? Wo beginnt das Persönliche, das Private? Wer macht diese Trennlinie? Und gibt es diese Trennlinie überhaupt?

„Wir brauchen mal eine Pause!“, heißt es plötzlich von Gabriel. Chips werden ins Publikum geworfen, Bier, Cola, Snacks ausgegeben. Der aufgezwungene Break sorgt für Hüsteln und Unruhe. Konsumkritik? Kapitalismuskritik? Tatsächlich ist es simpler und bedeutsamer. So erklärt Ana Zirner im Publikumsgespräch, dass wir manchmal eben eine Pause brauchen, damit die Betroffenheit gegenüber der Ungerechtigkeit nicht in Pathos umschlägt. Das mag stimmen, aber irritiert trotzdem stark, reißt den Zuschauer sehr heraus aus seinem stillen Zuhören. Schließlich streiten nach dieser diktierten Verköstigungspause Bahar und Omid  leidenschaftlich und laut wie alle Geschwister auf der ganzen Welt – über ihre Liebe zueinander, aber auch über Zukunftsängste und Persönlichkeitsrechte. Die Idee den Iran als Perserteppich, als Wut-Teppich zu manifestieren ist einfach und großartig. Wenn der Streit zwischenzeitlich eskaliert, Omid auf seinem Wut-Teppich ausflippt, und Veronika wieder Schutz unter den vielen Zuschauern sucht, hat das Theaterprojekt allerdings seine spielerisch schwächsten Momente.

Reif und klug ist Ana Zirner dokumentarisches Theaterprojekt, weil es subtil thematisiert, was sie – als Deutsche – nicht thematisieren kann. Schauspieler, Musiker und Bühnenbild leisten das ohne störende Überspitzungen und Klischees, indem sie viele, leise Fragen stellen. Auch: Was leisten die Medien? Kann eine journalistische Reportage dem Zuschauer so nahe kommen, die Welt so konkretisieren wie dokumentarisches Theater? Wo beginnt virale Manipulation? Ana Zirners Recherche-Projekt ist eine hoffnungsvoller Sicht auf den Zuschauer und die Möglichkeit ihn aus dem täglichen Bildermeer zu fischen und ihn zum Zuhörer zu erheben – ein schöner Ansatz.

„Ich wollte einen Lupeneffekt haben“

Interview von Lukas Wilhelmi mit Ana Zirner

Abgedruckt in der Festivalzeitung des KSJR 2012


Als Ana Zirner über Klassikern der Theaterliteratur brütet, stellt sie fest, dass sie sich viel mehr für die Nachrichten auf Al Jazeera und die Ereignisse im mittleren Osten interessiert. Sie beginnt zu recherchieren, lernt Leute kennen, unter anderem den iranischen Jazzmusiker des späteren Projekts Amir Nasr, baut Kontakt in den Iran auf, fliegt nach Teheran und Isfahan, führt dort insgesamt 40 Stunden Interviews, kommt zurück nach Deutschland, übersetzt, konzentriert die anfänglichen 120 Seiten Stoff zusammen mit ihren Schauspielern auf 20. Die darauf basierende 70-minütige Aufführung FRÜHLING und HOFFNUNG =BAHAR und OMID ist sie nun in Hamburg zu Gast. Mit der Regisseurin sprach Lukas Wilhelmi.    

Ana, du hast ein realpolitisches und ein intimes Projekt entwickelt. Was erhoffst du dir von solch einer Form von Theater, die es ja nicht häufig gibt?

Als allererstes stellt sich ja die Frage, was ist realpolitisch. Real ist an meinem Projekt, dass reale Texte verwendet werden, eins zu eins abgetippte Dialoge, transkribierte Interviews. Insofern hat es eine höhere reale Ebene. Durch die Umsetzung auf die Bühne wird es aber wieder Theater – und Theater ist nicht real. Theatermacher heute haben, glaube ich, Angst vor der verstaubten Form des Dokumentartheaters. Ich mag auch den Begriff des „New Documentary Theatre“ lieber, denn letztlich geht es auch mir immer um die Suche nach neuen Darstellungsformen für den politischen Inhalt.

Es ist eine politische Entscheidung diese Dialoge dann auf die Bühne zu bringen. Genauso wie die Bearbeitung und Konzentration des Materials.

Ja. Aber die Bearbeitung dieses ganzen Materials war schwierig zu rechtfertigen.

Mit welchen Einwänden wurdest du konfrontiert?

Es stellte sich immer die Frage: Warum bringt man so etwas auf die Bühne? Warum macht man über so etwas keinen Dokumentarfilm oder warum druckt man die gesammelten Texte nicht einfach ab? Erst im Produktionsprozess stellte ich fest, dass durch die Verfremdung, die der Theatervorgang automatisch inne hat, ein Dokumentarfilm aber zum Beispiel auf eine ganz andere Art besitzt, etwas Neues entsteht: Dadurch dass ich etwas Iranisches umsetze, auf einer deutschen Bühne, mit deutschen Schauspielern, in einem ganz anderen Kontext, und es künstlerisch verfremde, mit Videos, mit Musik, durch diese ganzen Anreicherungen, entsteht einerseits eine Distanzierung. Anderseits aber schafft gerade diese Entfernung die Möglichkeit dem Thema viel näher zu kommen. Die Distanz, die das Theater als Kunstform zur Realität hat, kann als Lupe fungieren: Es kann einen neuen Zugang zu den behandelten Themen schaffen und so zu einem größeren Verständnis beitragen.

Und du möchtest es dem deutschen Publikum näher bringen?

Genau. Ich versuche, durch die Deutschen aus dem Iran erzählen zu lassen. Aber für die Deutschen. Ich bin ja keine Iranerin. Zu Beginn meiner Arbeit, war ich noch nie dort gewesen. Es wäre vollkommen anmaßend gewesen, etwas anders zu versuchen.

Ist die Entscheidung nur zwei Schauspielern auf der Bühne zu haben auch aus diesem Grund gefallen? Damit es überschaubar bleibt, nicht überkomplex wird.

Da spielen mehrere Gründe eine Rolle. Ich arbeite z.B. einfach gerne ich kleinen Teams. Und ich wollte von einer Geschwisterbeziehung erzählen. Ich wollte von einer globalen Beziehung erzählen, die jeder kennt, jeder nachvollziehen kann. Weil man dadurch einen Zugang zu diesen Menschen schafft. Das hat auch etwas Intimes. Ich wollte einen Lupeneffekt auf der Bühne haben. Wie bei einem Youtube-Video, das man anhält, reinzoomt und auf irgendeinem Gesicht stehen bleibt und sagt: Das ist jetzt von diesem Menschen die Geschichte.

Familie und Geschwister sind ja sehr universelle Formen… 

Die im Stück behandelten Kindheitserfahrungen könnten zu, sagen wir, 50 Prozent genauso gut auch in Deutschland stattgefunden haben. Bis zu dem Punkt, an dem jemand sagt: ‚Mein Vater ist nicht nach Hause gekommen, weil er auspeitscht wurde‘.

Du sprachst die Youtube- und Handybilder bereits an. Man kennt die Aufstände im Iran, etwas später den arabischen Frühling, nur von Bildern, die verwackelt und verpixelt sind. Verleiten diese auch dazu, sie weg zu schieben? Zu sagen: Damit hab ich nichts zu tun?

Das Video ist etwas, das wir kennen, das Vertrautheit schafft. Das Video ist eine eigenständige Realität, die auch berühren kann – und trotzdem bleibt das Video in seinen ganzen Eigenarten unpersönlich. Im Gegensatz zu den Körpern der Schauspieler, die „echt“ vor uns stehen und uns persönlich etwas erzählen. Für unsere Generation ist die NS-Zeit ja auch immer nur Schwarz-Weiß. Und die Aufstände im Iran, und dann später der arabische Frühling, sind für uns verpixelt.   

Und kann das Theater diese Wahrnehmungen aufbrechen?

Auch das Theater kann nicht sagen, wie es wirklich ist. Es kann versuchen einen Eindruck zu vermitteln, aber es hat keinen Wahrheitsanspruch. Ich möchte trotzdem lieber über so etwas erzählen, mit den Mitteln, die ich habe. Ich möchte lieber mit den Realitäten des heutigen Tagesgeschehens umgehen und mich künstlerisch der Suche nach einer für das Material angemessenen und interessanten Übersetzung für die Bühne widmen, als den 50.000. Hamlet zu machen. 

„Eine in ihrer Schlichtheit und Konzentration höchst beeindruckende Inszenierung!“ 

zu „FRÜHLING und HOFFNUNG = BAHAR und OMID“

Godot Theatermagazin, Hamburg, 7. April 2012

„sehr geschickt, mit sehr bescheiden, einfachen und klugen Mitteln erzählt (...) unprätentiös und eindrucksvoll“

zu „FRÜHLING und HOFFNUNG = BAHAR und OMID“

Barbara Burkhardt (Theater heute) in ihrem Juryurteil bei KSJR, 5. April 2012

„Eine hoffnungsvolle Sicht auf den Zuschauer und die Möglichkeit ihn aus dem täglichen Bildermeer zu fischen und ihn zum Zuhörer zu erheben.“

zu „FRÜHLING und HOFFNUNG = BAHAR und OMID“

Michaela Neukirch, digger magazin, 3. April 2012

wo ist meine stimme


Der Arabische Frühling und seine Geschwister (Auszug)

von Sabine Leucht

Süddeutsche Zeitung, Bayern – Kultur

Quelle: Süddeutsche Zeitung am 05. November 2012

Eine dezidiert politisch angelegte Performancereihe zu den Themen Zivilcourage und Widerstand im i-camp wendet sich im zweiten Teil den Menschen im Iran zu

(...) Die Absolventin der Regie-Klasse der Folkwang Universität 2012, die zuvor Filmregie und Islamwissenschaften studiert hat, interessiert die Distanz des Mediums Theater zur Realität. „Wo ist meine Stimme“, das am Montag als zweite Performance im courage_loading-Feld an den Start geht, bricht die große Weltgeschichte auf einen ihrer Nuclei herunter. Die jungen Münchner Schauspieler Paula Binder und Benedikt Blaskovic sprechen Texte von gleichaltrigen Iranern - oszillierend zwischen Abstand und momentweiser Identifikation. Denn die Ähnlichkeit der beiden vermeintlich getrennten Welten hat auch Zirner überrascht, als sie im Juni 2011 im Iran war: „Sie tragen dort die gleichen Klamotten, hören die gleiche Musik wie wir, spielen Backgammon, schauen dieselben amerikanischen Serien an.“ Und doch kann nur dort das falsche Schuhwerk schon zu einer Verhaftung führen. 

Der Abend basiert auf den Vorarbeiten zu Zirners Diplominszenierung „Frühling und Hoffnung = Bahar und Omid“, die das Fachblatt Theater heute „unprätentiös und eindrucksvoll“ fand. Wie sein Vorgänger speist er sich aus jenen zahllosen Gesprächen, die Zirner mit Geschwisterpaaren in Teheran und Isfahan geführt hat. Geschwister, sagt Zirner, hätten sie interessiert, weil die Konstellation sich gut auf der Bühne macht. Aber auch, „weil Geschwister nie voneinander los kommen, selbst wenn sie vollkommen unterschiedlich sind.“ Ob sich das mit den Ländern der globalisierten Welt ähnlich verhält, darf man sich hier ruhig fragen.

Wieder mit dabei ist der iranische Jazzmusiker Amir Nasr - ursprünglich selbst einer von denen, die sich der Frage stellen mussten, warum im Iran seit den Protesten nach der mysteriösen Wiederwahl Mahmud Ahmadinedschads 2009 der Widerstand zu schlafen scheint - und wie es den jungen Leuten dort geht, wenn sie heute nach Äqypten, Spanien oder Syrien schauen? Natürlich, so Zirner, schwang das Wörtchen „Versagen“ bei diesen Fragen unausgesprochen immer mit. Was ihre Gesprächspartner emotional weit mehr bewegte als eigene Folter- oder Knasterfahrungen. 

Zirner hat inzwischen Freunde im Land, um die sie sich Sorgen macht. Und sie weiß, dass sie mit persönlichen Bekenntnissen wie etwa dem eines 25-Jährigen, in der ersten Nacht nach der Haftentlassung wieder im Bett seiner Eltern geschlafen zu haben, verantwortungsvoll umgehen muss. Emotionalisierung oder gar Voyeurismus ist ihre Sache nicht. Daher hat sich die freie Regisseurin sehr bewusst für die Reduktion entschieden, wie sie eine szenische Lesung bedeutet: „Ich will Brücken schlagen, was heißt: Material zur Verfügung stellen, damit bei jedem das Kopfkino angehen kann.“ Alles Weitere ist dann den Einzelnen überlassen. 

Flirt mit der kalten Sophie (Auszug)

von Patrick Wildermann

Tagesspiegel (Berlin)

Quelle: Tagesspiegel, 24. Februar 2013

(...) Ebenfalls beeindruckend: das Stück „wo ist meine stimme“ der Gruppe satellit. Die Künstlerin Ana Zirner ist in den Iran gereist und hat ihre Altersgenossinnen und -genossen nach deren Leben befragt. Das gesammelte, von Paula Binder und Thomas Prazak vorgetragene Material ergibt ein oft beklemmendes, aber auch erhellendes Bild vom Alltag zwischen Tschador-Repression und Gender-Studies an der Teheraner Universität. (...)

Wo ist meine Stimme? Szenische Lesung von Ana Zirner im i-camp

von cari110986

Theaterblog

Quelle: http://theatertogo.wordpress.com, 8. November 2012

Der Arabische Frühling – wir alle erinnern uns an die Flut der Nachrichtenbilder, die uns erreichten: junge Menschen, die auf der Straße kämpfen, Gewalt und Wut gegen totalitäre Regime. Trotz aller Plastizität, die diesen Bildern durch die Medien verliehen wird, ist der Arabische Frühling für uns nicht mehr als ein abtrakter Begriff. Regisseurin Ana Zirner reiste im Jahr 2011 in den Iran, um dem ein Gesicht zu geben. Sie interviewte in Teheran und Isfahan Geschwisterpaare, die ihr ihre ganz persönliche Geschichte erzählten.

Das Ergebnis ist die szenische Lesung “Wo ist meine Stimme?” die von 5. bis 7. November im I-Camp gastierte untermalt von musikalischen Improvisationen des iranischen Komponisten Amir Nasr. Die Schaupieler Paula Binder und Benedikt Blaskovic betreten die Bühne, begrüßen ihr Publikum und setzen sich an den Tisch auf der Mitte der Bühne. Abwechelnd nehmen sie während der Lesung die Rolle des Bruders bzw. der Schwester ein. Das Geschwisterpaar, um das es in “Wo ist meine Stimme?” geht, wächst im Iran auf, Bruder und Schwester sind Jugendliche wie du und ich. Leben können sie ihre Jugend jedoch nicht. Besonders die Schwester droht an den Einschränkungen, denen sie durch das Regime unterworfen ist, zu zerbrechen. Zu knappe Kleidung, Rauchen oder Diskobesuche – es braucht nicht viel, um von der Polizei aufgegriffen zu werden. Für beide Geschwister ist deshalb der Weg der Konfrontation mit den Unterdrückern die einzig exitierende Möglichkeit. ”Wo ist meine Stimme” bleibt dabei nicht nur eine rhetorische Frage, sondern wird zur Anklage, als die Spirale der Gewalt sich zuspitzt…

Nach eigenen Angaben von Ana Zirner wurden die Interviews, auf denen die Lesung basiert, nicht weiter bearbeitet. Das ist gut so, denn die Texte gehen in die Tiefe und schaffen es, mich als Zuschauer zu berühren. Vermisst habe ich trotzdem etwas an Einfühlungsvermögen seitens der Schauspieler in ihre Figuren. Teilweise lesen Paula Binder und Benedikt Blaskovic im immer gleich bleibenden Ton, der für mich nicht mit dem Inhalt des Textes zusammenpasst, der doch eigentlich mit Emotionen aufgeladen ist. Trotzdem wird das Anliegen des Projektes von Ana Zirner transportiert und ich sehe die Geschehnisse des Arabischen Frühlings in einem anderen Licht. Der Begriff bleibt nicht länger abstrakt, sondern verbindet sich mit Einzelschicksalen und bekommt auch für mich als Deutsche ein Gesicht, eine Bedeutung und mir wird klar, dass auch ich etwas damit zu tun habe. Dafür ein großes Dankeschön. 

“Wo ist meine Stimme?” ist übrigens Teil der Reihe “Courage Loading” im I-Camp, die sich mit globalen Geschehnisse aus der ganz persönlichen Sicht der Macher auseinandersetzt.

„ (...) Der Weg, den Zirner geht, ist sehr ehrlich. (...) großes Bewusstsein für den Einsatz szenischer Mittel und in diesem Fall sechs Performer, die sich als die abenteuerlustigen, aber braven Jungs outen, die sie sind. (...)“

zu „brothers in arms“

Sabine Leucht, nachtkritik.de, 13.2.2014

„(...) Es geht eher um die Grenzen in den Köpfen und wie sie beweglich werden können. (...) Mit präsenter Körperlichkeit entsteht so ein gleichwohl kühl inszeniertes Puzzle aus Lebensentwürfen und Lebensträumen im Nahen und Mittleren Osten. (...)“                                             

zu „brothers in arms“

Matthias Hejni (Abendzeitung) Kultur, 14.2.2014

„(...)‚Brothers in Arms’ ist daher mehr eine Generationenstudie junger Männer in verschiedenen Ländern als eine politische Ausführung. Zum Glück. (...)“

zu „brothers in arms“

Christiane Lutz, Süddeutsche Zeitung / Kultur, 19.2.2014